Kunstvermittlung im Zeitalter von Social Media

Last update on June 4, 2013.

Noch nie war es einfacher als heute, Menschen mit Kunst zu erreichen. Das World Wide Web ist aber nicht nur ein blitzschnelles globales Vermittlungsnetzwerk, sondern auch ein Ort, der die Versprechungen der Kunst der letzten hundert Jahre wahr werden lässt. Hier können alle gleichzeitig Publikum und Kunstschaffende sein.
Von Philipp Meier

Die Parallelen zwischen Theater, Oper, Konzert, Kino und TV zeigt sich am offensichtlichsten in ihren Guckkastenbühnen, Leinwänden und Bestuhlungen. Ebenso kann das Museum – obwohl das diesbezügliche Setting hier etwas offener ist – zum TV-Zeitalter gezählt werden. «Kunstvermittlung im Zeitalter von TV» meint, dass sie frontal erfolgt und die Rezipientinnen und Rezipienten die passive Rolle des Betrachters einnehmen müssen. Als Aktion ist einzig eine Re-Aktion möglich; vor allem im Sinne von Nach-Denken. Ausnahmen bestätigen die Regel. Weil diese traditionellen Kunstvermitt- lungsformate in Häusern institutionalisiert sind, haben sie oft relativ starre Abläufe, in denen sich Parallelen zum klassischen Industriezeitalter ziehen lassen. Aus diesem Blickwinkel können sie also als Kunstvermittlungsfabriken oder -maschinen bezeichnet werden.

Wie könnte, sollte oder müsste jedoch die Kunstvermittlung im Zeitalter von Social Media aussehen?

Im Netz und im Zusammenspiel zwischen On- und Offline gibt es unendlich viele Möglichkeiten, Kunst zu vermitteln. Weil hier noch keine Fachbegriffe existieren, dienen im Folgenden verschiedene Ismen als Stellvertreter für mögliche «Formate». Die vorgestellten «Formate» sind keineswegs abschliessend, sondern nur als eine kleine Auswahl zu verstehen. Schliesslich gäbe es unzählige Spielformen und Unter- und Schwesterformate. Zur besseren Verständlichkeit soll jeweils ein nicht repräsentatives Beispiel aus der Praxis dienen.

Avatarism

Tote Autoren, Musikerinnen, Schauspieler, Architektinnen etc. leben als Facebook-, Twitter-, Instagram-,Soundcloud-Avatare auf. Alle Leute, die sich mit ihnen Befreunden oder ihnen folgen, kriegen einen Einblick in deren Arbeiten, Denken und Leben. Wie bei anderen künstlerischen Interpretationen bestehender Werke (z.B. auf Bühnen) darf auch hier eine «Übersetzung» stattfinden. Wenn die Person hinter dem Avatar mit der Geschichte «seines» oder «ihres» Avatars sehr vertraut ist, kann sie versuchen, bei Diskussionen oder Chats dessen oder deren Sichtweisen und Sprachen zu verwenden. Es wäre jedoch auch denkbar – und fast glaubwürdiger –, wenn dabei die Person dahinter lesbar würde, und dadurch plötzlich ein Austausch «über» und nicht mehr «mit» dem Avatar entstünde. Beispiel: Das Cabaret Voltaire führte vorübergehend Richard Huelsenbeck und Emmy Hennings als Facebook-Avatare. Hier wurden in erster Linie Zitate und Bilder, aber auch Lebenssituationen und dergleichen beschrieben. Aus Zeit- und Geldmangel sind sie leider nicht mehr aktiv.

Storyism

Reale Menschen oder Kunstfiguren berichten via Blog, Twitter, Facebook, Instagram und dergleichen über ihre Entdeckungen, Erlebnisse und ihr Wirken. Wie eingangs beschrieben, ist in solchen Formaten der Dialog und das Verlinken im Hypertext zentral. Eine solche Figur kann entweder nur online existieren, oder auch als reale Figur erlebbar werden. In diese Kategorie fallen jedoch zum Beispiel auch Autoren, die ihr Feilen an Texten und Wortgebilden, ihr Assoziieren und ihre Inspirationsquellen sichtbar machen. Vielleicht entsteht im Austausch mit einer solchen Teilöffentlichkeit eine neue Schreibform oder der Prozess als solches wird viel relevanter als irgendein abgeschlossenes Werk. Beispiel: In der konzeptionellen Partynacht «Demokratische Republik Tam Tam» gab es ein Einbürgerungsbüro mit einem Einbürgerungsbeamten. Dieser war jedoch nicht nur in der Clubnacht präsent, sondern auch auf Facebook; er breitete dort seine Sichtweisen zum Thema Migration aus oder führte kleine rhetorische Machtspiel- chen mit einzelnen Regierungsmitgliedern.

Cloudism

Sammlungen, Stiftungen und Privatpersonen stellen ihre Werke ins Netz und lassen diese beschreiben und bearbeiten. Diese Werkbeschriebe und Remixes können eine «Werkwolke» oder «Urheberwolke» bilden – online, aber zum Beispiel auch in einer Ausstellung – und erneut beschrieben und bearbeitet werden. Das kann so weit gehen, dass, ausgehend von einem Text oder Bild in dieser Wolke, zum Beispiel ein minimaler Eingriff in einer Wohnung entsteht. Im Zeitalter des World Wide Web versteht es sich von selbst, dass in jedem einzelne Beitrag in dieser Cloud das Potential steckt, eine eigenständig Wolke zu bilden. Beispiel; das Werk von Paul Klee wäre eigentlich seit 2011 urheberrechtsfrei. Um dies zu feiern, suchten das Dock18 und die Digitale Allmend hochaufgelöste digitalisierte Klee-Werke, wurden dabei jedoch nicht fündig; nicht mal das mit öffentlichen Geldern finanzierte Zentrum Paul Klee war fähig, diese zur Verfügung zu stellen. Daraufhin griffen sie auf ein vorhandenes Tool im Web zurück, das in einer einfachen Form sichtbar macht, wie eine solche Wolke aussehen könnte: Auf der Website www.oamos.com wird, wenn man Paul Klee eingibt, eine solche assoziativ durch Fundstücke aus dem Netz geformte Wolke erzeugt.

Channelism

Im World Wide Web gibt es unzählige Kanalformen. Der mit Abstand bekannteste ist jedoch Youtube. Auch hier wäre es der grösste Fehler, wenn nur ans Senden gedacht würde. Senden, das ist wie gesagt, TV, Kino, Theater, Oper, Konzert, Museum. Durch ein Programm wie Youtube kann jedoch geskrollt werden, die einzelnen Beiträge können bewertet und diskutiert werden, im Idealfall können Dritte Videoantworten oder –beiträge hinzufügen. Beispiel: Volkslesen.tv ist kein Youtube-Channel, sondern ein eigenständiges Video-Blog. Hier lesen mehr oder weniger zufällig ausgewählte Menschen kurze Ausschnitte aus ihren Lieblingsbüchern vor. Im letzten Jahr war der Initiant und Kurator des Kanals in Zürich und hat 55 Zürcherinnen und Zürcher vor der Kamera ihre Passagen lesen lassen.

Platformism

Hier dreht sich alles um den Rahmen oder eben um die Plattformen, wo was wie präsentiert und diskutiert wird. In den vorhergehenden «Formaten» ging es darum, dass sie in erster Linie von Vermittlerinnen und Vermittlern bespielt, kuratiert oder inhaltlich gelenkt werden. Wenn jedoch alle Künstlerinnen und Künstler, respektive auch Kunstvermittelnde sind, steht schnell die Frage im Raum, welche Präsentations- und Diskursplattformen sie bespielen können. Am naheliegendsten sind die global bekanntesten Plattformen Youtube, Facebook, Twitter, Soundcloud und verschiedene Blogsysteme. Diese sind in ihrer inhaltlichen Offenheit (im Vergleich zur Bespielbarkeit von Kunstinstitutionen) unschlagbar. Natürlich muss man dabei anmerken, dass man dazu von den zentralistischen und kommerziellen Strukturen dieser Systeme absehen muss. Beispiel: Eine thematische Basis muss nicht per se schlecht sein. Im Gegenteil; eine solche kann helfen, um eine neue Plattform zu lancieren. Auf der Social Media Plattform von Lady Gaga treffen sich Menschen, die sich gerne selber (als Kunstwerk) inszenieren. Sie tun dies leider viel zu oft viel zu nahe an ihrem Idol; aber es ist ein gutes Beispiel für ein thematisches Setting einer solchen Plattform.

Anythingism

Im Prinzip lässt sich fast unendlich vieles im Netz bauen; von Games über Datenwolken, bis hin zu Wissenslandschaften. Und mit etwas Fachkenntniss sind die unterschiedlichsten Algorithmen der grossen Player im Netz (zuvorderst Google) mehr oder weniger durchschaubar und dadurch von Nischenplayern für ihre Zwecke benutzbar. Wie in den vorgenannten «Formaten», setzt auch hier einzig das Budget die Grenzen. Wenn jedoch online glaubwürdig Kunst vermittelt werden soll, dann muss von ähnlichen Budgets ausgegangen werden, wie beim Bauen und Betreiben einer Kunstinstitution. Beispiel: Mit rebell.tv betrieb Stefan M. Seydel von der Ostschweiz aus ein kleines deutschsprachiges Medienhaus mit Sitzen in Berlin und Wien (wegen fehlenden Investoren inzwischen leider offline). Rebell.tv verfügte über unterschiedliche Rubriken und Kanäle; vom Kernstück Blog/Vlog über Print und Podcast bis hin zu einem Online-Magazin.

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